Die Hälfte aller Drittklässler kann nicht richtig schreiben

Alle dritten Klassen schreiben bundesweit jedes Jahr Vergleichstests, die den Lernstand der Schüler in Deutsch und Mathe erfassen (VERA-3). Neben dem Lesen wurde im letzten Jahr zum ersten Mal auch das Schreiben getestet. Die Ergebnisse für Berlin sind miserabel: Jeder zweite Drittklässler in Berlin erfüllt nicht die von der Kultusministerkonferenz festgelegten Mindeststandards. Das ist besorgniserregend. Wir müssen klären, was die Ursachen für die schlechten Ergebnisse sind.

Die Vergleichstests zeigen, dass es erhebliche Unterschiede zwischen den Bezirken gibt und unsere Kinder nicht überall die gleichen Startbedingungen haben. Unter den Bezirken schneidet Neukölln am schlechtesten ab. 66% aller Neuköllner Drittklässler haben nicht einmal die Mindeststandards bei der Rechtschreibung erreicht. Außerdem gehen die Ergebnisse auch stark zwischen Kindern deutscher und nichtdeutscher Herkunftssprache auseinander. Unter den Kindern mit Migrationshintergrund können berlinweit 64% nicht richtig schreiben. Beim Lesen gab es eine leichte Verbesserung. Aber auch hier sind die Ergebnisse nicht zufriedenstellend. In Neukölln haben im letzten Jahr 47% der Drittklässler nicht die Mindeststandards beim Lesen erreicht, im Vergleich dazu in Steglitz-Zehlendorf zum Beispiel nur 13%.

Ein Problem ist vermutlich die Methodik, mit der Schulanfänger das Schreiben lernen – nach Gehör. Aus „Stuhl“ wird „schtul“. Diese Fehler setzen sich fest. Wir müssen deshalb an der Qualität unserer Grundschulen arbeiten. Die Lehrer brauchen Fortbildungen, um ihre Methodik und Didaktik zu verbessern. Außerdem müssen angehende Pädagogen mehr Praxiserfahrung sammeln. Wir haben zwar das Lehrkräftebildungsgesetz reformiert und mehr Praxiserfahrung vorgeschrieben – aber das gilt erst für die nächste Lehrergeneration, nicht für die aktuelle. Davon unabhängig bin ich persönlich mit dem neuen Praxisanteil im Lehramtsstudium nicht zufrieden, da ist Luft nach oben.

Die Sprachprobleme beginnen schon in der Kita. Jedes sechste Berliner Kita-Kind hat Sprachmängel. In Neukölln sogar jedes vierte. Und das seit Jahren, obwohl wir immer mehr Geld in das System stecken. Wir müssen uns also auch die Sprachförderung in den Kitas ansehen, denn die frühkindliche Bildung ist das A und O.

Bislang werden die Zahlen über VERA-3 nur von Berlin und Brandenburg veröffentlicht. Es sollten aber alle Bundesländer die Ergebnisse veröffentlichen, damit bundesweite Vergleiche gezogen werden können.

Presse:
Huffington Post 13.10.2015
Berliner Morgenpost 12.10.2015
Berliner Kurier 04.10.2015
Berliner Woche 21.10.2015