Rede zum Volkstrauertag

Auf Einladung des Britzer Bürgervereins habe ich heute in Britz eine Rede zum Volkstrauertag gehalten – im Gedenken an die vielen Toten der beiden Weltkriege, der Opfer der Nazi-Diktatur, der Kriege nach 1945 und der Opfer von Gewaltherrschaften.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

der heutige Volkstrauertag ist ein Tag der Trauer um die Opfer – und ein Tag des Gedenkens, das auch auf die Gegenwart gerichtet ist.

Denn Menschen leben fort in der Erinnerung. So lange wir uns an unsere Toten erinnern, so lange können wir aus ihrem Schicksal lernen.

Heute erinnern wir an Kinder, Frauen und Männer aus unserem Land und vielen anderen Ländern, die ihr Leben lassen mussten, weil Krieg und Gewalt herrschten. Wir gedenken der Soldaten, die an den Fronten fielen. Wir gedenken der Zivilisten, die in der Heimat oder auf der Flucht umkamen. Wir gedenken der Opfer der Nazi-Gewaltherrschaft, der Menschen, die wegen ihrer kulturellen Zugehörigkeit, ihres Glaubens oder ihrer politischen Überzeugung ermordet wurden.

Die schiere Zahl von über 50 Millionen Toten im Zweiten Weltkrieg ist schockierend und unvorstellbar. Allein in der letzten Schlacht um Berlin fielen 170.000 Soldaten und viele Zehntausend Zivilisten. Doch das ganze Ausmaß wird erst deutlich, wenn wir uns klarmachen, dass hinter den zig Millionen, die in den beiden Weltkriegen und den Kriegen danach umkamen, einzelne Menschen stehen. Menschen mit Hoffnungen und Zielen, mit Talenten, Familien und Freunden.

Sie alle durften ihr Leben nicht leben, sie alle hinterließen Lücken. Millionen Kinder mussten ohne Vater, ohne Mutter aufwachsen. Millionen Frauen verloren ihre Ehemänner. Millionen Eltern mussten ihre Söhne und Töchter überleben. Millionen junge Menschen wie ich haben die Eltern ihrer Eltern nicht kennengelernt.

Wir erinnern heute aber auch an die Toten, die Kriege und Gewalt seit dem Zweiten Weltkrieg gefordert haben. Die Kämpfe und Gewaltausbrüche nach 1945 fanden und finden fern von Deutschland statt. Doch durch unsere Beteiligung an internationalen Einsätzen sind wir in diese Auseinandersetzungen involviert. Wir haben tote Soldaten und Aufbauhelfer zu beklagen, unser Land trägt Verantwortung für tote Zivilisten in den Einsatzgebieten wie Afghanistan.

Wenn Familien und Freunde um die Toten trauern, ist Erinnerung persönlich und privat. Aber Erinnerung trägt auch eine gesellschaftliche Verantwortung in sich. Denn die Opfer der beiden von Deutschland verursachten Weltkriege und der Nazi-Gewaltherrschaft gehen alle an, sie sind Teil unserer Geschichte. Ihr Schicksal hat sich nicht nur auf einzelne Familien, sondern auf die Gesamtbevölkerung ausgewirkt. Es ist unser aller Aufgabe, die Erinnerung und das Wissen über die Vergangenheit wach zu halten.

Erinnern weist auch neue Wege. Gedenken trägt nicht nur dazu bei, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Gemeinsames Erinnern schafft auch neue Gemeinsamkeiten. Und gemeinsame Erinnerungen sind manchmal die besten Friedensstifter.

Das unermessliche Leid, dass so viele Menschen, so viele Völker im Ersten und Zweiten Weltkrieg erlitten, hat Gegenbewegungen mobilisiert. Es hat Einzelne und Staaten motiviert, sich für den Frieden einzusetzen.

Am 8. Mai 1945 schwiegen die Waffen in Europa. Und sie schweigen noch heute. In Europa kam ein Prozess der Annäherung und Einigung in Gang, der mit dem Fall der Mauer 1989 in der noch lange nicht vollendeten europäischen Integration mündete. Die allen gemeinsame Erinnerung führte zu gemeinsamen Handeln.

Wir Deutschen tragen eine moralische Verantwortung für den Fortbestand unseres friedensstiftenden und Grenzen überwindenden Europas. Und auch in schwierigen Zeiten, wie wir sie gegenwärtig durchleben, haben wir die Verpflichtung, unserer Verantwortung für Europa gerecht werden.

Erinnern, wie es der Volkstrauertag pflegt, bedeutet, danach zu fragen, wie es zu Kriegen und Gewaltausbrüchen kam. Wir stellen uns dieser Erinnerung, denn wir wissen, dass Frieden und Freiheit, dass die Wahrung der Menschenrechte und der Erhalt der Demokratie keine Selbstverständlichkeiten sind. Daher ist es unsere Pflicht jene zu unterstützen, die – wie im arabischen Frühling – für Freiheit und Demokratie kämpfen.

Es bleibt insbesondere die Aufgabe meiner Generation, die in einem friedliebenden Europa aufwächst und Krieg nur mittelbar aus Geschichtsbüchern und Erzählungen kennt, Erinnerung und Andenken zu pflegen und in einer Zeit von Politikverdrossenheit für eine friedensstiftende Demokratie einzustehen.

Der heutige Volkstrauertag ist ein Tag der Trauer um die Opfer – und ein Tag des Gedenkens, das auch auf die Gegenwart gerichtet ist. Indem wir uns erinnern, nehmen wir die Verpflichtung an, für Frieden, Demokratie und Menschenrechte zu wirken.

Ich danke Ihnen für Ihre Anteilnahme.