Ursachen des S-Bahn-Chaos sind ein hausgemachtes Problem

Ein Bahn interner Untersuchungsbericht der Wirtschaftsprüfgesellschaft KPMG und der Anwaltskanzlei Gleiss Lutz hat offen gelegt, dass jahrelang systematisch Missmanagement betrieben wurde. Bei der Beschaffung und Unterhaltung der Zug-Baureihe 481/482 wurden grobe Fehler gemacht und Standards fahrlässig missachtet. Jahrelang wurde bei der Wartung von Achsen und Bremsen geschlampt und wurden Protokolle manipuliert. Hier wurde verantwortungslos mit der Sicherheit der Kundinnen und Kunden umgegangen.

Das anhaltende S-Bahn-Chaos ist also nicht Schuld des Senats, sondern das Ergebnis des Versagens der ehemaligen S-Bahn-Manager, die inzwischen nicht mehr in dem Unternehmen tätig sind. Die Verantwortung für das anhaltende Chaos liegt jedoch nicht allein bei der Berliner S-Bahn. Der Untersuchungsbericht dokumentiert schwerwiegende Fehler des S-Bahn-Managements aber auch mangelnde Kontrolle durch die Muttergesellschaft DB AG.

Zudem wurde der Spardruck bei der Berliner S-Bahn von der DB AG vorgegeben. Das Sparprogramm „Qualify & Qualify plus“ mit dem erklärten Ziel einer Gewinnverbesserung um 4,5 Mrd. Euro wurde 2005 aufgelegt. Teil dieses Programms war das „Projekt X: Optimierung S-Bahnen“, mit denen die Berliner und Hamburger S-Bahnen auf Gewinn getrimmt werden sollten. Für Berlin hatte dies eine Reduzierung der Bahnflotte und eine Verringerung des Instandhaltungsaufwands für die Bahn-Baureihe 481/482 um 30 Prozent zur Folge. Zugleich sollte die Gewinnabführung der S-Bahn an die DB AG von 9 Mio. Euro 2004 auf 125 Mio. Euro 2010 steigen.

Durch die Umstrukturierung im Mutterkonzern – die Berliner S-Bahn wurde zum 1. März 2010 in das Geschäftsfeld Regionalverkehr eingegliedert – wurde das Problem der S-Bahn trotz Beteuerungen nicht offensiv gelöst. Einheitliche Qualitäts- und Sicherheitsstandards sind durch die Umstrukturierung nicht gesichert. Schließlich war es die DB AG selbst, die mit den Folgen ihrer Sparverordnung zum S-Bahn-Chaos beigetragen hat.

Die S-Bahn Berlin GmbH war nicht gezwungen, den Sparkurs zu verschärfen: bereits 2007/2008 hat die Eigentümerin der Berliner S-Bahn, die Deutsche Bahn AG, Gewinne aus der S-Bahn abgezogen, obwohl die S-Bahn in den Vertragsverhandlungen die Prognose in Aussicht stellte, erst 2013 Gewinne einzufahren.

Weitere Folgen waren Stellenabbau bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der S-Bahn (Zugführer, Bahnhofspersonal, Werkstattmitarbeiter), die Schließung von S-Bahn-Werkstätten und mangelnde Investitionen in neue Fahrzeuge (durch die S-Bahn Berlin GmbH) und ins Netz (durch die DB Netz).

Das Eisenbahnbundesamt (EBA) hat der S-Bahn Berlin GmbH bereits 2009 auferlegt, ihre Züge häufigeren Kontrollintervallen zu unterziehen. Das hat zur Folge, dass die Züge häufiger in den Werkstätten kontrolliert und somit stundenweise aus dem Verkehr gezogen werden müssen. Hinzu kommen solche Fahrzeuge, die tatsächlich defekt sind.

Da die S-Bahn Berlin GmbH aufgrund des Sparzwangs der DB AG Werkstätten schloß und auch Werkstattmitarbeiter entließ, fehlten für Kontrolle und Reparatur zunächst Werkstätten und Personal. Die neue S-Bahn-Leitung hat inzwischen jedoch ehemals stillgelegte Werkstätten wieder eröffnet. In Betrieb sind nun die Werkstätten in Wannsee, Grünau, Friedrichsfelde, Oranienburg und Erkner. Hier arbeiten 260 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in drei Schichten in sieben Tagen rund um die Uhr. 70 bis 80 Wagen gehen derzeit täglich in den Werkstätten ein. Bei einem Besuch der Werkstatt Friedrichsfelde kritisierte ich, dass pro Schicht nur 6 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiteten. Der neue S-Bahn-Chef Peter Buchner teilte meine Auffassung, wies jedoch daraufhin, dass es durch die vor Jahren vollzogene Mitarbeiterentlassungswelle nicht genügend qualifiziertes Personal gebe, um den Mitarbeiterstab aufstocken zu können. Wiedereinstellungen entlassener Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien kaum mehr möglich, da diese inzwischen umgelernt seien.

Eine weitere Ursache liegt in den mangelnden Investitionen ins S-Bahn-Netz der DB Netz (100%ige Tochter der DB AG). Die defekten Züge und jene Züge, die in die obligatorische verschärfte Kontrolle in die Werkstätten müssen, müssen aus dem Verkehr gezogen werden, können aber aufgrund vereister Weichen nicht in die Werkstätten geleitet werden.

Das sind die Hauptursachen, die dazu führen, dass die Berliner S-Bahn im Chaos steckt und nun einen Not-Notfahrplan einsetzen musste.